Karibik
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City of Wiener Neustadt - ein Abenteuer unter Segeln!

 

"Date: Sun, 15 Dec 96 23:37:19 +0100

Subject: News von CWN

City of Wiener Neustadt segelt wieder, heute wurde die Etappe St. Lucia - Panama gestartet."

 

Diese Zeilen haben wir via Standard C abgesetzt - an Bord der City of Wiener Neustadt! Ein Traum ist wahr geworden, ein Traum vom Segeln unter Tropensonne im Karibischen Meer.

 

An einem kalten Herbsttag 95 begann, was jetzt Wirklichkeit geworden war. Eine harmlose Zusendung, ein Formblatt wie viele andere auch, jedoch eine Einladung zu einer Fahrt um die Welt - oder zumindest zu einem Teil davon. Wunderbare Reviere auf einem herrlichen Schiff - wer kann da schon widerstehen? Aber die Auswahl der Etappe - ja die war schwierig. Unter dem größten Mangel unserer Zeit - Zeit - leidend, entschied ich mich für kurze Etappen, die Spannung versprachen, quer durch die Karibik und durch das Chinesische Meer. Die Entscheidung war - gemeinsam mit meiner Frau Viktoria - rasch getroffen, eine Anmeldung geschickt, eine kleine Anzahlung geleistet - und wieder vergessen, die Sache.

Aber die Zeit verfliegt, und plötzlich war da die dringende Aufforderung, seine Gesundheit zu beweisen und schriftlich Rechenschaft abzulegen über Herz und Kreislauf, Zahnwurzel und Leber, Blut und .... Wenige Wochen vor dem Abflug hieß dann, von einem Arzt zum anderen, in die Impfstelle, fleißig Morgensport. Und die Zeit fliegt wieder. Eine Woche noch - und ich habe außer den Routen von Cornell, den Ocean Passages, einer Monatskarte und einem Übersegler (aus dem Jahre 82) eigentlich nichts - die östliche Karibik ist ein weißer Fleck für mich! Zwei Tage vor dem Abflug noch rasch zum Seekarten-Händler, und wirklich, es finden sich zwei, drei Bücher (darunter das BSH Seehandbuch 2050 - Ostküste Mittelamerikas) und einige Seekarten von den Windward Islands, vorbei an Venezuela, den niederländischen Antillen und Kolumbien, bis nach Panama. Eigentlich schade, an diesen Segelträumen vorbeizuzischen - aber Zeit ist eben knapp.

Ebenso knapp ist unser Flug gebucht: Einen Tag vor dem Start anreisen, einen Tag nach dem Zieleinlauf abfliegen; es ist knapp getimed, weil am nächsten Tag ist Weihnachten, und die Kinder warten unter dem Christbaum! Und Zeit wollen wir uns auch gar keine lassen, es ist ja eine Regatta.

 

Die Ankunft in St. Lucia, Hewanorra, ist wunderbar: Nach einer Autofahrt in Schnee und Eis, noch in der Nacht über den Wechsel nach Wien, stehen wir nur ein paar Stunden später bei etwa 30° C auf dem windigen, sonnigen Landeplatz und warten aufs Einchecken. Durch die Sperren durch sehen wir schon einen Kollegen aus Graz, der eine Stunde früher angekommen war. Und noch ein paar Meter weiter ein Pappendeckel, auf dem steht "Mr. Kotnik" - falsch geschrieben, aber trotzdem gut, denn es ist der Taxi-Driver von Ulrich Meixner, einem langjährigen Segel- und Clubkollegen (und Nachbarn!) von uns, der jetzt mit seiner Frau Sandra den Charter-Stützpunkt "Destination St. Lucia" in der Rodney Bay leitet.

Die Fahrt nach Rodney Bay dauert eine Stunde; zuerst beobachten wir fasziniert die Gegend, dann, nicht weniger interessiert, die kurze Dämmerung (wie im Lehrbuch!). Um sieben Uhr kommen wir im stockdunklen an, ein kurzer Handschlag zum Wiedersehen nach einigen Jahren, dann zur City of Wiener Neustadt. In der Nachbarschaft der anderen Teilnehmer liegt sie am Steg, rundherum Segel, Taschen, Gerätschaften, an Bord Schuhe, Handtücher - und die Kollegen. Eine kurze Begrüßung, ein kurzer Imbiß an Land und dann der Versuch, zu schlafen. Aber es klingt nicht gut: Einheimische Musiker suchen ihren Erfolg in moderner Elektronik, und dort vor allem in der Lautstärke. Trotz bleierner Müdigkeit ist an Schlaf kaum zu denken, trommeln doch die Rythmen völlig ungedämpft aufs Deck! Die CoWNS hat es ausgehalten!

Am nächsten Tag ist die Reparatur des Ruders am Plan. Ulli vermittelt den Termin, auch die Größe des Krans paßt bestens: Es sind noch mindestens 5, 6 mm unter dem Kiel, allerdings nur bis zur nächsten Betonplatte am Boden. Trotzdem, wir bauen das Ruderblatt ab, um neu zu dichten. Bei der Gelegenheit findet es unser Skipper Hannes bestens angebracht, das Antifouling mit Drahtwascheln glattzureiben. Sehr gut: Einmal in St. Lucia, und dann im Antifouling baden, statt in der Karibik!

So vergeht vergnüglich der Tag. Gegen Abend führt uns Ulli mit seinem Schlauchboot zur Startlinie und zur ersten und einzigen Wendemarke. Obwohl nicht sehr viel Wind, geht die Dünung sehr hoch und die Wellen spritzen an der Küste in weißen Fontänen steil nach oben. Genug Know How. Zurück zur Skipper-Besprechnung, an der auch der Veranstalter Jimmy Cornell teilnimmt. Nach einigen Erklärungen werden wir entlassen - die Frage der Wassertiefe in der Einfahrt der Rodney Bay bleibt offen. Einige Jachten laufen rasch aus - so lautete eine Empfehlung: 2000 Uhr, High Tide. Aus einer scharfen Rechnung ergab sich für uns, daß eigentlich am nächsten Morgen wieder ein Hochwasser eintreten sollte, und Skipper Hannes entschied, am Steg zu bleiben.

Am nächsten Tag liefen wir wirklich kurz nach dem Hochwasser aus. Vorher wurden noch rasch die Segel von den diversen Stegen an Bord verladen, schon ging es los. Knapp hinter uns legte noch das indonesische Schulschiff ab und folgte uns im Abstand von etwa 200 Metern durch den Kanal. Schon fast durch wird die CoWNS immer langsamer und die Indonesier werden immer größer und größer. Stoppen - nicht mehr möglich, ausweichen - kein Platz! Aber das einheimische Polizeiboot, das die Indonesier eskortiert, rauscht mit hoher Fahrt auf uns zu, stoppt kräftig und erzeugt damit eine Welle, auf der wir problemlos die letzten Meter des Kanals passieren.

Draußen legen wir uns vor Anker, um wieder ein bißchen Unterwasser zu polieren. Diesmal baden wir allerdings in einer karibischen Mischung aus Antifouling.

 

Rechtzeitig vor 1200 Uhr machen wir uns auf den Weg. Die Segel werden gesetzt, die Positionen eingeteilt, und plötzlich fehlen zwei Segel! Na klar, die waren ja am Steg unter dem Dinghi von einem Nachbarn! Ein kurzes Funkgespräch mit Ulli Meixner, und wenige Minuten vor dem Start haben wir alle unsere Segel beisammen.

Unser eleganter Start wird gemanaged und gefahren von unserer Ruder-Lady Petra. Als dritte, aber quasi gleichzeitig mit zwei anderen, passieren wir die Startlinie. Eine Meile s-lich lassen wir dann unter Spi die einzige Bahnmarke an stb liegen. In Lee von St. Lucia fächert sich das Feld aufgrund der Windverhältnisse etwas auf. Unser Zielpunkt ist ein Punkt etwa 50 sm n-lich der Halbinsel Guajira (Venezuela/Kolumbien). Wir erwarten eine Winddrehung und segeln (mit Maiden, in Sicht) einen s-licheren Kurs als alle anderen (außer Sicht). In St. Lucia ist eine weitere Yacht zum Feld gestoßen: die Orsa Maggiore, eine (große) Ketsch der italienischen Kriegsmarine. Wir laufen etwa 8 - 9 kn, zuerst noch unter Genua, dann bald unter Spi. Die Stimmung ist gut, an Bord ist alles klar.

Tags darauf ist der Himmel bedeckt, es ist warm und schwül. Wind ist eher schwach (13 - 15 kn), See und Strom (auch schwach) kommen von bb achtern. Wir sind vier Boote in Sicht (nicht mehr als 5 sm voneinander entfernt), und liegen in der Mitte. Um 1200 LT werden beim "roll call" die Positionen über Funk ausgetauscht; alle bis auf zwei (Kriegsmarine) sind nahe beieinander.

Unser Plan ist, in einem Band von etwa 50 sm Breite den kürzesten Weg zum Ziel zu fahren. Dabei nutzen wir den Passat von achtern und den Nordäquatorialstrom, dem wir auch bis über die Grenze von Kolumbien hinaus folgen wollen, um dann das Ziel auf einem Schlag anliegen zu können.

Wir kreuzen also unter Spi (9 - 10 kn) vor dem Wind (ca. E, 16 - 18 kn) und sind am folgenden Tag gerade 40 sm von der niederländischen Antilleninsel Bonaire entfernt - leider kommen wir nicht hin. Unsere Etmale waren bisher 196 und 189 sm, ein Drittel der Strecke ist erledigt.

Das Feld ist jetzt stark aufgefächert. Einige der Kollegen waren zu Mittag auf etwa 14° N, andere auf 12° N, wir etwa auf 13° N (allein); alle befanden sich auf etwa derselben Länge. Unklar ist momentan, wie sich der Wind verändern wird. Wir halten uns weiter eher in der Mitte, nahe der direkten Kurslinie, und halsen fleißig.

Der Wind nimmt jetzt zu, auf etwa 25 bis 30 kn. Wir tragen den VISA Spi (1.6) und bringen leicht 12, 13 kn ins Wasser. Alles ist unter Kontrolle. Da, ein paar Minuten nach Mitternacht, gibt es einen kurzen Tusch - der Visa-Spi trennt sich im oberen Drittel auf. Eine Stunde später ist alles wieder im Lot: Der 1.6 ist geborgen, der 2.2 ist gesetzt, weiter geht es mit 12, 13 kn.

Am nächsten Tag entschließt sich der karibische Wettergott nun doch endgültig, der CoWNS und uns den Genuß von "carrribean sailing" zu gönnen: Wind 27 – 30, Spitzen bis 35! kn, See 3-4, TWA 160° (Himmel meist bedeckt, aber auch oft sonnig).

Jetzt beginnen wir, die Werte des Maxi (BSP) genau zu beobachten: Um 0554 überschreitet Viktoria mit 14,10 kn das erste Mal 14 kn, 2 Stunden später überschreitet Petra diesen Wert: herrliche 14,73 kn! Die CoWNS wird mit Schwung auf die von achtern anlaufende Welle geschoben, angehoben, von einer wunderbaren Vibration ergriffen; gleitend und singend zischt sie auf der Welle dahin. 30 kn Wind blähen den Spi noch mehr und der Bug zerschneidet von oben die unter uns rollende Welle. Fontänen aus weißem Schaum spritzen auf Höhe des Mastes zu beiden Seiten des Rumpfes einen Meter und mehr Höhe über das Deck und der Rudergänger läßt die CoWNS mühelos - scheint es - hinunterfallen - ja fallen, man glaubt, sich in einem Wasserfall zu befinden!

Manchmal taucht der Bug etwas in die Welle ein, aber leicht und elegant hebt er wieder heraus und befreit sich von seiner nassen Last (aufs Deck und ins Cockpit).

Am Abend, kurz nach 1800, entschließen wir uns, den Kurs - etwa parallel zur kolumbianischen Küste - direkt auf den Hafen Colon in Panama - zu richten: Eine Halse - unter ungerefftem Gross und 150 m2 Spi, zufaellig bei 31 kn Wind - wunderbar: Petra hält die CoWNS mit dichtem Gross und frei fliegendem Spi souverän vor der nachstürzenden Welle, Markus am Vorschiff, Hannes als Controler im Cockpit, eigentlich wir alle haben dieses Manoever rasch und völlig problemlos durchgefuehrt.

Das fleißige Fahren und die dauernde Konzentration haben uns auch ein spannendes Etmal gebracht: von 17., 1800 bis 18., 1800 249 sm über Grund!

Auf dem neuen Kurs geht es wunderbar weiter, Markus surft und überschreitet immer wieder herrliche 16 kn! Der Wind wird jetzt in seiner Stärke etwas unstetiger und pendelt zwischen 22 und 33 kn.

Das Boot singt und vibriert, die Segel scheinen platzen zu wollen (keine Angst, schwerster Spi), rundherum sprudelt und rauscht es, durch das Wasser ziehen wir eine Spur, die als weiße, schäumende Narbe unter dem Heck herausquillt.

Um 0110 geschieht das für mich Unglaubliche: Mit Viktoria am Ruder surft die CoWNS eine lange See: phantastische 17,54 kn!!

Seit dem ersten Abend haben wir eine feste Wacheinteilung, Wache 1 (Skipper Hannes, Viktoria Kotnig, Helmut Senn, Rudi Derkics, Knut Schneider, Gerhard Hermann), Wache 2 (WF Markus, Ruderlady Petra, Eva Beaufort, Gerd Frimmel, Michael Goehring, Jorge Sutil). Mich hat der salomonische Skipper zum wachfreien Navigator bestellt - vermutlich, damit ich nichts anrichten kann :-). Tagsüber gibt es zwei Wachen ab 0600 und 1200, nachts drei, ab 1800, ab 2200 und ab 0200. Diese Einteilung bewährt sich bestens, die Stimmung ist unheimlich gut, die Zusammenarbeit funktioniert (Ich beispielsweise habe gestern abgewaschen!).

Während ich hier schreibe - 0700 Uhr BZ, warm und schwül – rauscht es an Deck und ums Schiff, alle paar Sekunden setzen die Vibrationen ein. Zu unserem Ziel haben wir etwa noch 370 sm, mit einigem Glück sogar ein Anlieger. CoWNS sailing - unvergeßlich!!

Wind und See meinen es weiter gut mit uns. Speziell am Nachmittag und in der ersten Nachthälfte: Wind ständig 27 - 33 kn, See eher 4, alles von achtern. Die CoWNS will sich absolut nicht auf die Rumpfgeschwindigkeit reduzieren lassen; stundenlang geht es mit 10, 11, 12 kn dahin - einmalig. Jeder, der sich ans Ruder stellt, MUSS surfen. Auch ich habe einmal Glück gehabt: Markus fährt am Nachmittag immer wieder 15 und 16 kn, dann verläßt er für eine Pause das Ruderrad, ich kann rasch übernehmen; der Wind pendelt jetzt bis 35 kn, die Wellen rauschen. Jetzt passiert das Unwahrscheinliche: Die CoWNS legt los, ist nicht zu bremsen, sie wird schnell und scheller, über den Bug schaue ich 3, 4 Meter hinunter ins Wellental, die Fontänen tanzen um uns herum, das herrliche Boot vibriert, zittert, singt - und: 17,84 kn am SuperSonicLog!

Die Geschwindigkeiten bringen auch Etmale: Wir fahren 24 hr runs von 258, 263, 264 (!) Meilen!!

Während ich sitze und schreibe, pendelt der Wind zwischen 24 und 27 kn, meist machen wir 10 kn oder etwas mehr, die See hat etwas nachgelassen. Unsere Distanz zur Ziellinie beträgt noch 117 sm (üG). Alle sind wohlauf und bester Laune, auch die CoWNS!

Am Freitag, den 20.12.96, passieren wir um 202357 (LT) mit mehr als 10 kn surfend die Torfeuer von Colon nach 5 Tagen, 9 h, 23 m, 57s!! als dritte. Über diese Strecke von 1.240 sm sind wir einen Schnitt über Grund von 9,6 kn, durchs Wasser von 9,85 kn, gefahren. Um 2115 machen wir im Panama Canal Yachtclub fest.

 

Aufgrund unseres Ratings werden wir auf dieser Etappe zweite nach berechneter Zeit - ein schönes Ergebnis für eine schöne Fahrt. Ein großes Danke gebührt dem Skipper und der gesamten Crew: Nicht ein Mal war die Spi-Schot unbesetzt, die Segelsäcke (immerhin 15 Stück) waren immer ordnungsgemäß gestaut, immer wurden zuerst die Luvkojen belegt.

Für uns hieß es dann rasch ins Taxi, im Weihnachtstrubel nach Panama City, ins Flugzeug und - unter den Christbaum. Der CoWNS wünschen wir noch viele tausend erfolgreiche Meilen - und wenn möglich keine schlechter als in der Karibik!